Die 6.Etappe von Krasnojarsk nach Irkutsk

 

20 Tage liegen schon hinter uns und bald sind wir am Baikalsee. Lang scheint es nicht mehr hin aber noch lang genug um gehörigen Respekt für die kommenden Tage aufzubauen. Bis Irkutsk ist es weit und das Wetter ist noch immer unbeständig und zerrt zusätzlich an den Nerven.

Das Amulettspiel als Einstimmung auf den Tag
Zuerst treffen wir uns in den Stolbi Bergen zum Amulettspiel. Hier soll der Elefantenfelsen erklettert werden. Es ist ziemlich kalt und wir ziehen unsere Mützen tief in die Gesichter und vergraben die Hände in den Taschen. Einer von jedem Team muss kraxeln, bei uns ist es Marc. Er ist der Superman der Kletterseile, ich bin da nicht so geschickt. Aber es klappt nicht, das Finale entscheidet zwischen Stefan und Harald. Wir ziehen schon weiter während dort draußen in den Bergen noch um das Amulett gekämpft wird. Später erfahren wir das die Jungs sich ihr drittes Amulett geholt haben. Wir freuen uns für sie.

Auf dem schnellsten Weg raus aus der Stadt
Als der Startschuss für den heutigen Tag kommt rennen wir um den Bus. Wir bekommen ihn auch und suchen den schnellstmöglichen Weg aus der Stadt raus. Die Kassiererin im Bus schaut uns böse an als wir nicht sofort zu ihr kommen. Dann erklären wir ihr unsere Situation und das wir kein Geld haben um den Bus zu zahlen – im schlimmsten Fall würde sie uns jetzt vor die Tür setzen, seufz. Aber irgendwann hatte sie ein Einsehen und lässt uns mitfahren, nicht ohne uns aber noch einmal tadelnd anzuschauen. Der ganze Bus wird auf uns aufmerksam und die Leute versuchen uns mit der Richtung aus der Stadt zu helfen. Es klappt auch und nur wenige Minuten später stehen wir an der Ausfallstrasse mit Endrichtung Irkutsk. Wir kommen dann in einem Kleinbus weiter der zwar nur langsam fährt aber dessen Fahrer uns dafür über das Land und das Wetter aufklärt. Anscheinend gibt es hier Gegenden in denen es JEDEN Tag regnet. Na Hilfe, das haben wir auch schon bemerkt. Aber mittlerweile sind wir ordentlich wetterfest und auch ein weiterer Regenguss wird uns nicht schocken. An diesem Tag haben wir vier Autos bis zum Hikeschluß.

Schwierige Schlafplatzsuche am Rande der Stadt
Wir stehen am Rande einer Kleinstadt, direkt an der Strasse die wir morgen früh auch nehmen müssen. Die heutige Schlafplatzsuche sollte sich als wahnsinnig schwer erweisen, es sind viele Kinder um uns herum deren Aufmerksamkeit wir allein durch die riesigen Rucksäcke auf uns gezogen haben. Sie rennen um uns herum, fragen in den Häusern am Straßenrand nach und wir versuchen ihre Erklärungen zu verstehen. Werden aber immer wieder weitergeschickt, alle lächeln uns nett zu, fragen in ihren Häusern nach – aber nichts. Das Wetter munkelt schon wieder nach Regen und unsere Beine werden müde. Aber hier heißt es nicht aufgeben, bisher hatten wir immer soviel Glück bei der Schlafplatzsuche das wir dieses eine Mal auch aushalten wenn es nicht auf Anhieb klappt. Aber an den Nerven ziehen tut es dennoch. Dann finden wir Bauarbeiter die uns bereitwillig ihren alten Holzbauwagen anbieten zum übernachten. Leider riecht dieser ziemlich streng nach Teer und die Nacht soll kalt werden. Kein wirklich guter Platz. Wir lehnen dankend ab und ziehen weiter.

Ein echter Familienabend und schweres Gepäck
Dann sehen wir einen jungen Mann und den Vater (?) vor einem Auto. Wir fragen auch hier nach und haben Glück. Sie nehmen uns auf und sind dann letzten Endes ganz aufgeregt wegen uns. Zeigen uns ihre kleine Schweinezucht und das Häuschen mit der Banja (juhu, warme Sauna nach einem kalten Reisetag – herrlich!). Die Familie tischt nur für uns noch einmal auf, uns ist das etwas unangenehm. Wir bekommen Wurst und Fisch und sind uns bewusst, dass diese Familie hier grad ihre letzten Groschen zusammengesucht hat, um für uns dieses Mal herrichten zu können: der Vater war zum Konsum gegangen während wir in der Banja waren. Und Wurst und Fisch sind in Russland nicht an der Tagesordnung, hier isst man was der Garten hergibt: Kartoffeln, Tomaten, Gurken. Wenn man Tiere hat dann eher Hühnerfleisch. Vielleicht ein paar Eier. Einfaches Essen aber schmackhaft. Und dann bekommen wir solch ein Festmahl – danken kann man das diesen wundervollen Menschen kaum. Die Familie sitzt uns fasziniert gegenüber und wir bewegen sie zum mitessen – allein essen ist noch unangenehmer wenn man schon so verwöhnt wird. Dann werden unsere Taschen neugierig bestaunt und wir packen gemeinsam unsere Sachen aus. Der Hausherr wiegt unsere Rucksäcke und stellt fest, dass mein Rucksack schwerer ist als der von Marc. Gelächter macht sich breit und ich zeige das ich die Herrin über das Essen bin und deswegen schwerer schleppe. Das Schicksal der Frau ;-).

Viel Matsch und lange Wartezeiten
Am nächsten Morgen bringt uns unser Gastpapa bis an die Strasse und winkt uns zu als wir kurze Zeit später ein Auto anhalten. Er ist glücklich uns glücklich gemacht zu haben und das rührt uns ziemlich. Der kleine Sohn hat uns zum Abschied noch etwas gemalt – ganz süß, wir halten es in Ehren.
Unterwegs treffen wir die Jungs und dann fahren wir in einem Auto mit bei dem unsere Rucksäcke nur hinten in den Hänger passen. Der Erfolg der Aktion: komplett schmutzige Rucksäcke wegen dem Schlamm und dem Regenwasser im Anhänger. Ich bin ein wenig am verzweifeln, unsere Kleidung ist eh schon so schmutzig. Aber Marc beruhigt mich, er hat es ja auch nicht gewollt als er die Rucksäcke „parkte“. Aber auch das geht vorbei und dann nimmt uns ein ganz süßer älterer Herr mit. Irgendwann stehen wir in einem kleinen Dorf kurz vor einer bösen Buckelpiste die wohl an die 30 Kilometer lang ist. Viele Autos verirren sich nicht hierher und so stehen wir in dem Dorf über dreieinhalb Stunden. Zum Glück scheint die Sonne und wir vertreiben uns die Zeit mit dem schwärmen was wir daheim alles essen werden wenn wir zurück sind und liegen auf der Wiese in der Sonne und schauen uns schon mal nach einem Quartier für die Nacht um.

Die Fahrt im „Gefängniswagen“
Irgendwann dann doch noch ein Hike – in einem Auto bei dem man meinen würde wir säßen in einem hölzernen Gefängniswagen. Tatsächlich saßen wir in einer Holzkiste eines kleinen Transporters und mit uns ein riesiges Ölfass. Wir sahen nur etwas durch ein kleines Fenster und die Tür konnte nur von außen geöffnet werden. Damit wir uns aber bemerkbar machen können war innen eine Klingel zur Führerkanzel befestigt. Ein ulkiges Fahrgefühl über eine Holperpiste wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Am Abend waren wir so durchgeschüttelt das wir uns im kleinen Dorfladen vor der Schlafplatzsuche ein Snickers zur Beruhigung kaufen und teilen wollten.

„Mitkommen!“ und Wäsche waschen mit Strom
Als ich aus dem kleinen Lädchen wieder rauskomme stehen zwei Frauen um Marc herum und reden auf ihn ein. Ich versteht das sie sich erkundigen was er hier macht. Als die ältere Dame der zwei hört das wir was zum schlafen suchen nimmt sie uns kurzerhand einfach mit. Die junge Dame diskutiert wohl noch mit, verliert das Rennen um uns aber. So was Irres haben wir noch nie erlebt, wir müssen lachen und gehen gern mit. Mal eine ganz andere Art der Schlafplatzsuche! Wir kommen in ein verfallenes Wohnblockgebiet und gehen hinein. Die Wohnung sieht ordentlich aus, jedenfalls weit besser als das Äußere des Hauses hätte vermuten lassen. Wir bekommen etwas zu essen und die Dame des Hauses wäscht dann Anja’s Hose mit Strom. Ja ihr habt richtig gehört: man nehme einen Zinkeimer, warmes Wasser, tue das zu waschende hinein und dann nehme man diese kleine schwarze Plastikbox, stecke sie ins Wasser, das Ende des Kabels mit dem Stecker in die Dose und dann – FINGER WEG!!! Wie auch immer das zuging – am nächsten Tag war Anja’s Hose sauber und trocken. Sie war selig und konnte ihr Glück kaum fassen.

Kein Tramperglück aber eine Unterkunft beim Bürgermeister
Dann weiter im Takt, es läuft nicht spektakulär gut, wir stehen viel im kühlen sibirischen Morgen und schaffen es nicht rechtzeitig zum Spiel. Die Strafe: nur die Gewinner des Spiels Harald und Eva dürfen den geraden Weg nach Irkutsk nehmen – alle anderen Teams einen wilden Weg außen herum. Das bedeutete Trampstress. Alle Teams stehen kurz vor Trampschluss an derselben Strasse und halten jedes Auto an das kommt. Wir fahren mit drei Betrunkenen mit und finden die Situation im Auto eher unangenehm. Weit kommen wir nicht bis zum Hikeschluss, aber es reicht bis ins nächste Dorf. Dort merken wir das nun die Grenze ins asiatische Gebiet überschritten ist: die Russen hier verstehen uns kaum und haben einen sehr asiatischen Touch. Die Schlafplatzsuche macht das nicht leichter und es dauert bis wir vom Bürgermeister des Dorfes aufgenommen werden. Wir machen gemeinsam Quark in einem großen Holzbottich und trinken Milch frisch aus dem Euter. Gaaaanz lecker, hmmmm, wir sind happy und geniessen den Abend in dem kleinen Dorf.

Trampen im Nebel – huhu is da wer?
Am nächsten Morgen, sieben Uhr ist Rennstart, liegt dichter Nebel über dem Gebiet. Wir sehen kaum die Hand vor Augen und das macht das trampen auch nicht leichter. Wir hören die Autos nur, sehen können wir sie nicht – und sie uns auch nicht. Die Gefahr des „überfahren werdens“ ist echt gegeben – wir nehmen es gelassen. Wir kommen nach einer langen Wartezeit bis ins nächste Dorf und dort warten wir wieder gute zweieinhalb Stunden bis wir einen Wagen finden. Puhhhh, es tut gut doch noch einen Wagen zu bekommen. Mittlerweile sind Stefan und Steffen auch in diesem Dorf angekommen und da bei uns im Auto noch Platz ist nehmen wir die zwei natürlich mit. Hier soll keiner verhungern in diesem Dorf, es waren nicht gerade viele Autos die hier lang kamen. Aber wenn welche lang kamen dann saßen auch schon andere Teammitglieder drin. Fazit: wir vier lagen am letzten Platz des Rennens.

Aufgeben? Nein!
Wir machten uns darüber nicht so viele Gedanken, aber um Stefan und Steffen tat es uns leid. Denn sie brauchten jeden Punkt ganz dringend um nicht nach Hause fliegen zu müssen. Wir fieberten mit. Als wir dann an der Fähre ankamen stehen dort auch Hans-Jörgen und Eva. Die anderen sind schon weg. Die Fähre braucht noch eine Stunde zu uns und dann geht’s weiter. Wir kommen mit den Jungs noch zehn Kilometer weiter, dann stecken wir an der letzten Strasse fest. Letztendlich kommt dann ein Holzlaster, wir fahren mit. Es ist nur Platz für zwei, Hans-Jörgen und Tochter sind an uns vorbei, die Jungs haben aufgegeben – gerade Hans-Jörgen und Eva hätten sie weit hinter sich lassen müssen. Aber die sitzen jetzt in einem Auto das bis ans Ziel fährt. Wir sollen mit dem LKW fahren und machen das dann auch. Aufholen können wir nicht mehr, das ist klar. Wir fahren mit 40 km/h durch wunderwunderschöne Landschaften, Seen, kleine Berge, weite Blumenwiesen und staubige Strassen. Wir geniessen die Landschaft wenngleich auch die Fahrt mit dem Holzlaster nicht so angenehm ist wegen fehlender Federung – autsch….

Das Urteil und die Überraschung
Beim Ranking dann die traurige Wahrheit: Stefan und Steffen sind raus. Jetzt fängt es an richtig weh zu tun – wir haben die beiden so lieb gewonnen. Ihre Frische und Lockerheit war sensationell und ihre Sportlichkeit hat einen immer wieder Bauklötze staunen lassen. Sie sind richtige Pfundskerle die man einfach gern haben muss. Alle sind ruhig und lassen das „Urteil“ über sich ergehen. Aber ihre drei erspielten Amulette müssen sie noch abgeben: sie dürfen nur ein Team auswählen, aufteilen dürfen sie die Amulette nicht. Und sie entscheiden sich für uns! Große Überraschung, damit haben wir nicht gerechnet. Sie hoffen das wir die Amulette entweder ins Ziel tragen oder sie in ihrem Sinn weitergeben werden. Wir wissen was sie meinen und sind zu Tränen gerührt. Ein Abschied der wehtut und morgen (nächste Woche, 17.6.05) geht es doch wieder weiter – auf die letzte Etappe in Russland ….