Die 5. Etappe von Novosibirsk nach Krasnojarsk

 

Wie wir bereits verraten haben, hat es ja einen Teammitgliedertausch gegeben. Von den sechs verbliebenen Teams sollten die letzten vier Teams die am Zwischenetappenpunkt ankommen, die Partner tauschen müssen. Die ersten zwei Teams müssen keine Partner tauschen und dürfen an dem Amulettspiel im Fluß teilnehmen.


Der Start von Novosibirsk aus war nicht so schwer.

Aber die Teams starteten in Zeitabständen von je 10 Minuten auf das vorher startende Paar. Die Rangliste ergab sich aus dem Einlaufen am Tag davor. Das hieß, Marc und ich starteten als letzten an diesem Morgen. Für den Kopf sehr schwer zu ertragen, weil wir so um gar keinen Preis getrennt werden wollten und die hintere Startposition nicht so optimal erschien um dieses Ziel zu erreichen. Aber schnell hatten wir ein Auto angehalten das uns dann auch an die Ausfallstrasse Richtung dem nächsten Etappenpunkt brachte. Dann standen wir an der schier endlos erscheinenden Strasse, rund um uns blühten jede Menge Blumen und alles wirkte so friedlich und schön, das es kaum zu der Stimmung passte die sich in unserem Bauch breit gemacht hatte. Wir wollten einfach nicht getrennt werden, und das sollte auch das erste Mal während der ganzen Reise sein, das wir uns nicht wohl fühlten und einen unheimlichen Druck auf uns spürten was das Weiterkommen anbelangte. Aber wir hatten Glück und nach kurzer Stehzeit nahmen uns zwei junge Burschen mit. Sie wirkten beide wie Freunde uns erst später stellte sich heraus, das der Junge am Beifahrersitz auch ein Tramper war der nur mitgenommen wurde. Die Jungs gingen so herzlich miteinander um wie man es nie vermutet hätte das sie sich eigentlich gar nicht kennen. Beide waren auch wahnsinnig interessiert an unserer Reise, fragten immer wieder nach und dann durften wir unser erstes Autogramm geben. Was für ein feierlicher Moment für uns!


Zum Hikeschluß landeten wir in einem kleinen Dorf an der Durchgangsstrasse.

Dort trafen wir auch Harald und Eva und die Mädels. Marc und ich fanden einen Neubau mit jungen Leuten davor die sehr freundlich auf uns zukamen. Wir fragten dann auch um eine Bleibe und wurden spontan eingeladen. Es stellte sich heraus, das gerade an diesem Tag das Einweihungsfest des neuen Hauses standfand und die Eigentümer die erste Nacht hier verbringen würden. Das war uns ehrlicherweise schon fast unangenehm, wir dachten daran ob wir auch Fremde dabeihaben wollten wenn wir grad in unser selbst erbautes Heim einziehen? Aber unsere Gastgeber zerstreuten unsere Sorgen und luden uns zum zünftigen Grillen ein. Das Wetter war noch immer sehr warm und rund um uns herum zirpten die Grillen und die Stimmung war sehr ausgelassen als auch noch mehr junge Leute kamen.


Am nächsten Tag trampten wir mit einem Bus weiter, wir dachten besser langsam fahren als wieder lange an der Strasse stehen. Marc beruhigte mich weil ich wirklich Panik schob das wir uns würden trennen müssen. Aber es lief ganz gut für uns, wir fanden immer schnell Anschlußhikes und kamen unserer Meinung nach gut vorwärts. Die Natur änderte sich von jetzt an stetig. Wir kamen dem schönen Altaigebirge immer näher, ein beliebtes Reiseziel der Russen. Und wem sich die majestätischen Berge des Altaisgebirges mal ganz in real vor den Augen erhoben haben der mag verstehen, wie fasziniert wir von dem Anblick waren. Und in diesen Augenblicken vergass man das Spiel, die Kamera und das Rennen komplett. Eine Traumhafte Gegend!


Und dann erblickten wir vor uns den Etappenpunkt

– den alten Flughafen! Mein Gott wie pochten unsere Herzen, es war furchtbar aufregend – aber dann sahen wir genau vor uns Stefan und Steffen zum log-in rennen. Wir waren zu spät – um genau eine Minute! Es war wirklich kaum zu fassen und Tränen machten der Enttäuschung und der Angst vor den nächsten Tagen Platz. Aber so war das Spiel, wir alle hatten uns darauf eingelassen. Ich war der Stürmer unseres Teams, ich startete noch vor Marc weiter. Mein neuer Teampartner wurde Eva, die Frau von Harald. Ich mochte sie von Anfang schon sehr und war beruhigter was die nächsten Tage anging. Marc würde mit der Tochter von Hans-Jörgen unterwegs sein, das war auch sehr ok für ihn. Aber ich hätte es auch Pia und Janine gewünscht das sie mit Marc hätten reisen dürfen, denn die drei verstanden sich schon so wahnsinnig gut und wussten wie der andere reagieren würde wenn etwas nicht passt. Aber es sollte nicht sein, und wir fügten uns und traten die Weiterreise an. Von hier an werden wir beide, Marc UND ich, erzählen. Denn jeder hat etwas anderes erlebt und die Zeit anderes empfunden.

Ich hoffe ihr habt Spaß an der doppelten Erzählung:


Anja:
Das alleinige trampen empfand ich schon bald als sehr schwer. Normalerweise steht man halt zu zweit an der Strasse. Und das macht mehr Spaß und erscheint auch spannender. Aber Eva war eine sehr nette Reisebegleitung und sie staunte sicher wie schnell immer wieder die Autos anhielten.

Marc: Die Eva, na das kann ja lustig werden?! Und genau das wurde es auch. Völlig locker aber zügig machte sich Eva ans Rennen. Abgemacht war, nicht bösartig den Stürmer zu blocken und so hielt ich mich an scherzhaftes “anbremsen“. Das machte unterdes auch mal wieder Spass, da ich keinen Druck verspürte selber Gas geben zu müssen.

Anja: Als Mädchen hatten wir es scheinbar dann doch eher leicht. Wir kamen eher rasend schnell voran. Ich war selbst vollkommen platt von dem Erfolg, das ging immer derart Schlag auf Schlag das ich nur so mit den Ohren schlackerte. Ich musste dann allein den Fahrer unterhalten, die Reise erklären, die Route verfolgen, die Zeit im Blick halten – puhhh, zu zweit ist das echt lustiger….

Marc: Zu Trampschluss schlugen wir kurz vor einen Dorf abseits der Strasse ein. Und wen erblickten wir am in der Ferne mit Ziel auf „unser Dorf“?! Na, Hans-Jörgen und Pia. Na da war die Freude gross, zumindest bei Pia und mir. Ich bin mir nicht ganz sicher ob Eva so froh war ihren Dad schon nach so kurzer Zeit wieder zu sehen (Scherz!!!). So machten wir uns gemeinsam auf die Suche nach einer Unterkunft. Nach dem ein oder anderen Misserfolg zu viert landeten wir in einem Haus die uns alle aufnehmen wollten. Leider war die Hausherrin dermaßen betrunken, dass mir nach kurzer Zeit der Geduldsfaden riss und ich mit Eva das Weite suchte. Wie ich erst später erfuhr, war erst Tage zuvor die Mutter der Hausherrin gestorben (spätes Beileid!).

Anja: Eva und ich kamen kurz vor Trampschluss an eine Schnellstrasse. Während wir diese Strasse hinunterliefen hielt schon hinter uns ein Auto an. Ich dachte schon, auweia, der schimpft jetzt sicher weil wir so nah auf der Strasse laufen. Aber weit gefehlt, es war ein älterer Herr der sich wunderte warum zwei Frauen mit den großen Rucksäcken allein durch die Gegend laufen. Was sollte ich sagen? Ich erklärte ihm die Sache und er lud uns sofort ein und weiter ging die Fahrt! Echt – das war einfach unglaublich. So was hatte ich bisher noch nie nicht erlebt. Es war zu schön um wahr zu sein. Der Mann sprach ein wenig deutsch und erklärte uns das er viel reisen würde. Er besitzt hier in der Nähe eine Leinenweberei zu der er gerade unterwegs ist. Er fragte wo wir schlafen würden und ich erzählte ihm das wir noch was suchen müssten. Unser Engel am Steuer meinte dann er würde uns helfen, wir sollten mit ihm kommen. Das taten wir dann gern. Er brachte uns zu seiner Leinenweberei und wir bekamen sogar eine Betriebsführung und staunten nicht schlecht was für Arbeitsbedingungen hier herrschten. Mundschutz trug hier eigentlich niemand, obwohl es wahnsinnig staubte und die Luft nebelgeschwängert war. Aber die Halle war groß und geräumig, nur wenige Menschen arbeiteten hier. Und die kamen auch aus dem östlichen Ausland. Man erklärte uns das es alles Gastarbeiter sind die hier den Sommer über arbeiten und dann im Winter wieder zurück zu den Familien gehen. Eine harte Arbeit aber die Menschen waren sehr freundlich zu uns und jeder lächelte uns zu. Wir bekamen dann noch einen Tee gereicht und die Sekretärin unseres Autostoppengels nahm uns dann kurzerhand mit heim. Unterwegs gingen wir noch in einen Konsum und unser „Gastpapa“ war so lieb und zahlte die Zeche für Schokolade, Brot und Käse. Was für ein unfassbares Glück!

Marc: Eva und ich fanden anschließend doch noch Unterkunft bei einer alten Frau mit Sohn und einer behinderten Tochter. Das war schon alles sehr traurig mitanzusehen und ich war froh das Eva sich noch die Zeit nahm und ein Bild der Frau zeichnete, was sie Ihr schenkte und worüber unsere Gastmutter sich sehr erfreute. Wenigstens ein kleines Lächeln auf Ihrem Gesicht.

Anja: Eva und mir ging es in unserer Gastfamilie sehr gut. Wir bekamen jeder ein eigenes Zimmer! Die Familie hatte selbst zwei Töchter die allerdings mittlerweile erwachsen waren und ausgezogen – die Zimmer aber waren noch immer perfekt eingerichtet und so konnten wir uns beide eine nette Kuschelhöhle herrichten. Gemeinsam mit unserer Gastmama machten wir Salate, schälten Kartoffeln und kochten ein tolles Abendessen. Um uns herum immer der kleine schwarze Hauskater der die zusätzliche Aufmerksamkeit sichtlich genoß. Als auch der Gastpapa heim kam wurde die Stimmung ganz familiär und wir aßen sehr lange und versuchten uns über die kommende Reisezeit zu unterhalten.

Marc: Früh machten wir uns auf den Rückweg zur Strasse und starteten recht erfolgreich (für Eva) in den Tag. Ich muss sagen das Eva an der Strasse eine gute Figur gemacht hat (Trampfigur versteht sich) denn es lief so gut, das ich mich fragen musste warum es bei Eva und Hans-Jörgen sonst nicht so schnell ging?!! Meine „Bremsversuche“ blieben erfolglos und wir kamen bis zum Abend schnell vorwärts! Was ein sonniger und entspannter Tag. Ach ja, wir fuhren mit einem schicken Mercedes Vito für eine lange Zeit, der für DHL arbeitete. Na wie soll ich sagen, mir wird schon klar warum die Post so teuer ist, schließlich fuhr der Kollege für 1 Brief … ja ich wiederhole EINEN Brief durch die Gegend und das 400 km weit.

Anja: Am nächsten Tag brachte uns der Gastpapa zur Strasse und dann standen wir schon eher etwas länger bis wir ein Auto zum stehen bekamen. Viele Autos kamen an diesem Morgen auch nicht die Strasse entlang. Aber das Glück wurde nicht müde uns zur Seite zu stehen und schickte uns einen netten Mann der uns ein Stück weiterbrachte. Als er uns absetzte vergaß er nicht, dass wir noch weiter mussten und fragte ein älteres Ehepaar ob sie uns Unterschlupf gewähren würden. Das taten sie dann auch und binnen kürzester Zeit saßen wir in einem gemütlichen Melonenlaster mit kuscheligen Sitzbänken, dicht zusammengedrängt, und hatten viel Freude. Okay, das Auto fuhr wirklich nur sehr langsam, aber es war das einzige Auto das uns lange Zeit begegnete, also die richtige Entscheidung einfach sitzen zu bleiben.
Unterwegs luden uns unsere lieben Fahrer zu Tee und Essen an der Raststätte ein. Ich fand das super und auch Eva war einer Pause nicht abgeneigt. Zu viert futterten wir und danach erzählte unser Fahrer den anderen Interessierten im Gastraum gern, was wir für welche waren und was wir vorhatten. Später machten wir uns wieder auf den Weg und als dann der Zeitpunkt des Abschieds nahte wurde es uns echt weh um Herz. So lange hatte das alte Ehepaar uns nun durch die Gegend mitgenommen. Der Fahrer schenkte mir sein Basecap (echt aus Amerika wie er betonte mir einer Menge Stolz in der Stimme) und seine Frau holte uns zwei große Melonen vom Laster runter als Wegzehrung. Wie nett!

Marc: Ich gebe zu, das ein oder andere Mal hatte ich schon ein schlechtes Gewissen dabei, das ich faulenzen konnte und Anja Gas geben musste ?

Anja: Und dann bekamen wir auch die letzten drei Hikes des Tages und gelangten in ein nettes Dorf zum Trampschluß. Hier hatten wir schon nach dem zweiten Mal an-der-Tür-klopfen Glück und wurden aufgenommen. Und dann das Unfassbare: man bot uns ein kleines Gartenhäuschen an – ganz für uns allein!!! Mit kleiner Küche und Waschbecken, zwei Schlafzimmern, einem kleinen Wohnzimmer und der Bania, der russischen Sauna, direkt vor der Haustür. Mensch was die Russen einem hier das Herz zum bluten bringen können vor Rührung. Auch Eva schien es nur schwer zu fassen das wir auch in der zweiten Nacht soviel Glück hatten. Wir genossen also die Bania, futterten zufrieden das frische Gemüse und die Fleischbällchen die uns die Familie brachte und schliefen dann tief und fest bis zum nächsten Morgen, dem letzen Tag der Etappe.

Marc: Abends haben wir dann alles richtig gemacht. Wir suchten uns das Haus mit den gepflegtesten Blumen im Garten aus und hatten super Glück. Wir landeten bei der süßesten Oma aller Zeiten (natürlich nur FAST so süß wie meine Oma). Es gab Pfannkuchen und Marmelade. Ich hätte dort einziehen können…


Anja: Der nächste Morgen begann mit furchtbarem Regen, der liebe Herrgott sandte wieder alles an Regen zu uns was er gefunden hatte. Kein leichter Start, aber auch nichts zum verzweifeln. Den Weg zur Strasse zurück legten wir mit einem Taxi zurück – das hatte uns unsere Gastfamilie gleich in der Früh bestellt. Man kann es glauben oder nicht, aber die Russen zu erleben ist wirklich eine Reise wert! An der Strasse angekommen trafen wir auf Susanne und Meik die gerade ein Auto gefunden hatten das sie weit bis ans Ziel bringen würde. Wir freuten uns alle uns zu sehen und wir wünschten noch eine gute Fahrt und uns im Geheimen auch recht bald einen Wagen damit wir nicht so lange in der Kälte und im Regen würden stehen müssen. Eva stellte sich unter ein Dach und ich machte Druck, dass wir recht bald einen fahrbaren Untersatz finden würden.

Marc: Im Regen erging es uns schlecht. Erst fanden wir kein Auto und als wir einen langsamen Jeep fanden, wurde der von der Polizei verdonnert, einen gecrashten PKW abzuschleppen. Man das war ein Bild. Der Typ hinter uns in dem geschrotteten weißen Honda, im Regen, ohne Frontscheibe und wild eiernden Reifen.. ?

Anja: Und dann klappte es beim trampen auch bei Eva und mir – eine lange Fahrt mit einem Laster und dann noch eine kurze Fahrt direkt in die Stadt mit ein paar netten Jungens und schon standen wir am Ziel! Puh, geschafft! Und dann noch eine sehr erfreuliche Nachricht: wir waren als Dritte ins Ziel gerannt. Das hieß, ich hatte für das Team Marc & Anja den Dritten Platz errungen. Nun hoffte ich nur noch mit Eva, dass es Harald ebenso gut ergangen sein würde. Wir hatten uns im Laufe der Zeit noch besser verstanden als vorher schon, und beide empfanden wir die vergangenen Tage als völlig in Ordnung. Aber auf unsere Männer freuten wir uns beide dann doch schon sehr.

Wie haben wir die Teammischung letzten Endes empfunden?

Anja: Eva ist ein gutmütiger, ruhiger, netter Mensch mit dem man sich toll unterhalten kann. Die Teammischung war letzten Endes nicht so schlimm wie befürchtet sondern nur eine weitere aufregende Probe dieser Reise die mir viel gegeben hat und gezeigt hat, dass man ganz gehörig auch über eigene Grenzen gehen kann und das nicht mal wehtun muss!!!!

Marc: Ich fand’s lustig, denn Eva war ein guter Reisebegleiter. Aber ich war dann auch heilfroh, daß ich Anja unversehrt zurück hatte. Außerdem hatte Anja auch noch den 3. Platz gemacht .. Hut ab vor meiner Stürmerin!!!