4. Etappe von Omsk nach Novosibirsk

 

Die vierte Etappe war schon zu Beginn eine harte Nuss. Das war zwar zu Anfang des Tages, mit der Morgensonne im Gesicht und grünen Wiesen um uns herum, noch nicht zu erkennen, sollte sich bald als solches herausstellen. Denn nachdem wir mitten in Sibirien ausgiebig die schönen Landschaften genossen, die großen Tierherden der Bauern bestaunt und die immens riesigen Kornfelder sahen wurde uns klar, das trampen hier eher schwer sein könnte.

Über Stock und Stein
Aber auch hier ließen einen die Russen nicht im Stich und wir fanden einen netten älteren Mann der uns mit seinem alten Skoda quer über die Felder fuhr zum nächsten Dorf das an eine Strasse angeschlossen war. Es wurde eine wilder Jagd über Stock und Stein, aber der Fahrer war gut gelaunt und freute sich über unsere Begegnung. Er wünschte uns denn auch eine gute Weiterreise und verwies uns an die Bauern im Dorf. Das sollte ein guter Tipp sein, denn kaum an der Strasse hielten wir einen Kornlaster an der uns dann ein Stück des Weges mitnahm. Wir genossen beide die Fahrt durch die weiten Ländereien Sibiriens und als der Laster abbog und wir aussteigen mussten waren wir sehr guter Laune. Ok – wir waren noch immer in einer echten Einöde wo die Chance auf Autos nicht die höchste war, aber auch hier hatten wir Glück und ein Vater mit seinem kleinen Sohn fuhr uns zur nächsten Strassenkreuzung. Der Nachteil: das Auto hatte keine Rücksitzbank und war damit wohl eines der „bequemsten“ Fortbewegungsmittel die wir je über russische Holperpisten hatten. Wir sind vorher auch noch nie über Kieselsteinstrassen mit 100 Sachen gebrettert – unsere Steißbeine hatten sich danach auch ins Jenseits verabschiedet.

Hunger!!!
Kaum an der Strassenkreuzung angekommen machten wir uns auf den Weg, einen Kiosk zu suchen. Unsere Mägen knurrten, die Fahrten über Felder, auf dem Kornlaster und in dem Auto ohne Rücksitzbank hatten keinen Raum für eine kleine Mahlzeit gelassen. Und unsere Nerven mussten dringend ein wenig Nahrung bekommen. Die Sonne schien noch immer super toll und versüßte diesen doch recht außergewöhnlichen Trampertag. Wir fanden auch einen kleinen Laden und die Verkäuferin freute sich sichtlich hier Rucksacktouristen zu sehen hinter denen eine Kamera herlief. Trotz der Aufregung half sie uns, für unsere Rubel die wir uns für diesen Tag zurechtgelegt hatten, etwas Leckeres zu kaufen. Es wurde Weissbrot, Kekse und einige Äpfel.

Ankunft in der Kolchose von Badaschki
Unsere nächste Station war die Kolchose in Badaschki. Unsere Gasteltern, der Direktor der dortigen Schule und seine Frau, ebenfalls Lehrerin an dieser Schule, nahmen uns sehr herzlich auf. Wir durften mit ihnen den Hof für ein paar Stunden bestellen, sägten Holz, hackten Holz, sammelten Kartoffeln ein, Marc säuberte den Kuhstall, ich fütterte die Hühner. Gemeinsam mit den zwei Jungs der Familie hatten wir eine Menge Spaß und lernten eine Menge über die Wintervorbereitung in Sibirien. Und bei dem schönen Wetter das wir dabei die ganze Zeit hatten fiel es auch ein wenig schwer, sich den harten Winter hier vorstellen zu können. Am Abend kochten wir gemeinsam Pellinis, kleine Teigmehltaschen mit Fleisch gefüllt, aßen den wohl köstlichsten Eiersalat unter Gottes Sonne und lauschten den Geschichten der Familie. Wir fühlten uns sehr wohl und auch der jüngste Sohn der Familie hatte dann wohl einen Narren an uns gefressen und turnte auf Marc herum und liess sich die ganze Zeit fotografieren um im Anschluss das Foto mit großen Erstaunen auf dem Digitalbildschirm zu sehen – was ein Spass!

Viel Sonne aber wenig Tramperglück
Am nächsten Tag gab es das Heugabelspiel. Da wir auf der Reise bisher immer ein gutes Verhältnis zu Stefan und Steffen gehabt hatten, feuerten wir die Jungs an. Und mit uns taten das auch Norbert und Klaus und die Mädels. Als die Jungs dann gewannen war die Freude über die anschließende Fahrt im Schulbus groß. Leider waren es nur 50 Kilometer Vorsprung, aber immerhin genügend Zeit um ein erstes Frühstück das uns unsere Gasteltern zubereitet hatten, zu uns zu nehmen. Als wir dann wieder standen war es für uns alle eine Frage der sportlichen Fairness, das zuerst die Jungs Stefan und Steffen an der Strasse stehen durften und trampen. Wir Mädchen wollten ihnen dann helfen und versuchten das menschenmögliche um ein Auto anzuhalten. Das sollte dann auch gelingen, wir hielten einen Jeep an der die Jungs an diesem Tag noch ein gutes Stück des Weges brachte. Dann kümmerten wir uns auch um unsere Fahrtgelegenheiten. Ein paar Stunden später trafen wir, das heisst Pia und Janine und Marc und ich, im selben Dorf ein. Der Hike-Schluß hatte uns erwischt, für heute war Ende des Rennens.

3 Teams, 4 Hunde, 2 Gasteltern, 1 Sohn und viele schöne Erinnerungen
Wir wollten gern zusammen in einem Haus übernachten und gleich der erste Versuch war ein toller Treffer. Die Familie nahm uns sehr herzlich auf und zeigte uns ihren großen Hof auf dem einige süsse junge Hunde herumtollten und sich über den neuen Besuch freuten. Die Sonne schien noch immer und wir vier saßen mit dem Hausherrn auf der Treppe vor dem Haus und hatten endlich mal Ruhe um die Situation zu geniessen. Wir waren mitten in Sibirien, hatten unendliche Kilometer bereits hinter uns, viele wundervolle Menschen kennen gelernt, auch im Team Freunde gefunden und sahen Landschaften die kaum glaubhaft riesig groß waren. Aber in diesen Momenten fehlten uns auch oft unsere Familien und Freunde daheim. Wir hatten während der ganzen Reise keinen Kontakt nach Hause und wenn man schöne Momente der Reise niederschrieb oder fotografierte wünschte man sich auch sehr die eigenen Lieben hierher nach Sibirien oder ans Telefon um zu berichten was für eine irre tolle Reise wir da machen durften.
Nachdem wir unserer Gastmama bei der Zubereitung des Abendessens gern zur Seite gestanden waren, läutete es wieder an der Tür. Und dann hörte man bekannte Stimmen und wir sahen uns alle vier ungläubig an und konnten es kaum fassen: Klaus und Nobert waren hier auch gelandet!!!!! Na das war mal ein lustiger Abend. Die Gasteltern waren ganz aufgeregt und unser Gastvater erzählte uns, daß er Arzt im Krankenhaus in Novosibirsk sei. Und dann zeigte er uns die Nachrichten im TV und siehe da – genau in diesem Moment brachte man eine Kurzreportage über uns „Peking Expressler“ im russischen Fernsehen während der Nachrichten. Wat ein Spass! Unsere Gasteltern konnten sich vor Erstaunen kaum fassen – das sie nun gleich sechs dieser lustigen Menschen die versuchten nach Peking zu reisen bei sich aufgenommen hatten. Und auch wenn wir sechs uns bewusst waren die Schlusslichter dieses Tages auf der Strecke nach Novosibirsk zu sein, machte es dem Abend mit der Gastfamilie keinen Abbruch. Wir hatten viel zu erzählen, bekamen viel gezeigt, durften in die russische Bania zum waschen und bekamen kuschelige Betten hergerichtet.

Immer noch kein Tramperglück aber eine lustige Fussballmannschaft
Am nächsten Tag erwartete uns kein anderes Bild als bereits die zwei Tage davor. Es kamen nur wenige Autos und wenn welche kamen dann war es schwer eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen. Marc und ich hatten nach fast zwei Stunden Wartezeit Glück: die ansässige Fußballmannschaft war auf dem Weg in die nächste Stadt zu einem Spiel und so nahmen sie uns in ihrem „Tourbus“ mit. Die Fahrt wurde noch sehr lustig, man lud uns zum Wodka ein und erklärte uns das Zockerkartenspiel was im Bus die Hälfte der Spieler spielte. Leider reichten unsere russischen Verständigungsmöglichkeiten bei Weitem nicht aus um mitspielen zu können. Aber in Anbetracht unseres riesigen Budgets war es auch besser so. Und dann kam es wie wir bereits dachten: als vorletzte liefen wir im Ziel ein. Gegeben hatten wir alles, unser Tramperengel war wohl schon etwas müde geworden von den drei Etappen davor. Machte nix, wir waren happy endlich in Novosibirsk zu sein. Die Stadt zeigte sich von ihrer besten Seite und nach Tagen der Einöde trafen wir auf eine Grossstadt die nur so pulsierte und aus jeder Ecke Menschenmassen auf die Strassen ließ. Das immer noch anhaltend gute Wetter und die tolle Stadt machten es sicher auch Norbert und Klaus leichter den Express verlassen zu müssen. Sie telefonierten nach dem Aussteigen gleich mit ihren Familien und waren froh zu hören das alles gut war. Sie hatten gekämpft und alles gegeben – und sie waren ein lustiges „Pärchen“. Wir waren alle sehr traurig aber wurden uns einmal mehr des Spieles bewusst.