2. Etappe von Kazan nach Ekaterinburg

 

Am nächsten Tag brachen wir auf in Richtung Ekaterinburg. Das Wetter war noch immer gut und wir waren beflügelt von den Erlebnissen der letzten Tage. Am Morgen hatten wir Gelegenheit im See zu baden und waren erfrischt genug für den neuen Start.

Die Nächte in den Tentcamps – Lagerfeuer, Kochen und Diskussionen
Die Nächte zwischen den Etappen verbrachten wir übrigens in sogenannten „Tentcamps“. Da am Ende jeder Etappe die Teams zusammengeführt wurden, das Ranking miteinander erlebten und man die Teams danach nicht wieder in die Nacht zum weitertrampen hinausschickte, gab es Tentcamps die von der Produktion aufgestellt wurden. Dort hatte jedes Team ein eigenes kleines Zelt, es gab Kochmöglichkeiten (während der Etappe sparte also jedes Team Geld um sich zum Schluss, kurz vor dem Tentcamp, noch ein paar Spagetti und Ketchup oder Gemüse und Reis kaufen zu können) und man konnte sich waschen in kleinen Schüsseln. Das war schon mal sehr toll denn es blieb sonst wenig Zeit und Möglichkeiten sich selbst und vor allem Wäsche zu waschen. Man hatte dann auch Zeit sich mit anderen Teammitgliedern zu unterhalten (auch wenn wir erst spät am Abend in die Tentcamps kamen), nett beieinander zu sitzen und am Lagerfeuer Erlebnisse auszutauschen und über Ereignisse zu lachen. Aber es war sicher nicht nur romantisch bei diesen Tentcamps, oft war uns hundekalt in den Nächten in Sibirien in einem Zelt und man wurde natürlich auch mit Missstimmungen konfrontiert. Wir waren immerhin 16 bunt zusammengewürfelte Menschen, keiner kannte den anderen. Und es war ein Rennen, obgleich fast jeder wegen der Reise an sich gestartet war um seine eigenen Grenzen besser kennen zu lernen und eine andere Art des Reisens ausprobieren zu können. Natürlich wird in so einer Gruppe schnell klar wer mit wem kann, wo man bei anderen Parallelen zu sich selbst findet und einen Ruhepol geboten bekommt. Wir haben alle versucht Missverständnisse oder Meinungen frei auszutauschen, denn keiner war daran interessiert eine Big-Brother-Stimmung aufkommen zu lassen. Aber wir denken das ist nicht immer gelungen, denn jeder geht mit der Situation Kamera-TV-Rennen-andere Teams-Stress-verlieren-gewinnen anders um. Es gibt diplomatische und sehr emotionale Menschen, es wird von jedem Teilnehmer eine individuelle Facette gezeigt. Und Worte die gesprochen wurden sind auch nicht nachgestellt sondern zeigen die Teilnehmer wie sie in diesen Momenten reagiert haben. Und unter Stress in solch unbekannten und uneinschätzbaren Situationen ist es sicher oft schwer gewesen die Ruhe zu bewahren. Aber generell haben wir uns alle gut verstanden, wir waren eben alles Partner einer Reise deren Ausgang man nur zum Teil selbst bestimmen konnte ….

Die 2. Etappe beginnt mit einem Flug ins Ungewisse
Die zweite Etappe begann dann auch mit einem Hubschrauberflug in die unbekannten Weiten des Tartarenlandes. Wir hatten Glück, Marc ist ein ausgezeichneter Navigator und führte uns schnell nach dem Absetzen auf die richtige Strasse. Dort sollte sich das Fortkommen aber nicht als so leicht herausstellen. Die Menschen hier reagierten auf einmal ganz anders auf uns Rucksacktouristen. Sie waren zwar neugierig aber trauten sich nicht uns mitzunehmen. Wir stiegen dann nach circa anderthalb Stunden in einen Bus ein in dem auch schon Norbert und Klaus saßen. Es wurde eine lustige Fahrt, denn alle Mitreisenden fingen an sich mit uns zu unterhalten. Die einen mit ein paar Brocken englisch oder die anderen mit ausladenden Gesten. Nur leider hielt der Bus mitten in der Pampa an und erklärte hier sei seine Endstation, morgen früh würde er den Weg wieder zurückfahren. Huch!!!! Da war guter Rat teuer. Wir warfen mit Norbert und Klaus eine Münze wer zuerst an der Strasse trampen durfte um dem anderen Paar den Platz nicht streitig zu machen. Marc gewann und keine halbe Stunde später quetschten wir uns zu einer lieben Omi und ihrem Enkel ins Auto. Dieser fuhr uns dann wieder zu einer großen Hauptstrasse. Wir hielten kurz Rast und schrieben ein neues Schild. Dann kam auf einmal von hinten ein Auto mit ziemlich Karacho angebraust und hielt mit quietschenden Reifen neben uns. Wir schauten uns verwundert an und kapierten dann das der Fahrer der Enkel der Oma von eben war! Er hatte so einen Spaß an unserem Rennen gehabt das er uns noch ein Stück des Weges bringen wollte. Super nett!

Eine Nacht wie bei Oma und Opa daheim
Die Nacht verbrachten wir dann bei Albert und seiner Frau auf einem kleinen Bauernhof. Das ältere Paar nahm uns auf wie die eigenen Kinder und in der Stube saß die Babuschka (Großmutter) wie man es immer gehört hat. In Russland bleiben die Alten im eigenen Haus und gehen in keine Heime. Das Omchen lächelte uns zahnlos an und verstand sicher die Welt nicht mehr was wir hier tun. Nachdem sie kopfschüttelnd den Erklärungen ihres Sohnes Albert gefolgt war richtete sie ihren Blick wieder auf den kleinen Fernseher in der Stube. Und was lief da? Die olympischen Spiele in Athen! Ich musste lachen weil die Omas in Russland auch nix anderes taten als wir es in Deutschland getan hätten – den besten Sportlern der Welt die Daumen drücken. Ich denke es gäbe keinen, der sich hier nicht wie daheim gefühlt hätte.

Wir überfahren die Europa-Asien Grenze!
Am nächsten Tag fuhr uns Albert zur Strasse zurück und wir fanden schnell ein Anschluss- Auto. Neben uns erstreckten sich große Felder, riesige Viehherden standen direkt neben der Strasse und wunderschöne Steingebilde deuteten den Weg in die nächste Stadt an. Es war einfach aufregend unterwegs zu sein, man vergaß schnell das eigene Leben daheim und war hier, mitten in Sibirien, zu Hause. Später am Tag, nach vielen Wechseln der Trampgelegenheiten und Stunden die wir mit Warten verbracht hatten, waren wir hundemüde. Unser lieber Fahrer der uns genau mit diesem Hike über die Grenze zwischen Europa und Asien bringen sollte war redlich bemüht uns auf dieses Ereignis aufmerksam zu machen. Aber wir zwei schliefen einfach ein – das erste Mal seit Beginn der Reise. Es tat uns auch echt leid, weniger um die verschlafene Überfahrt des Uralgebirges als wegen der nicht beantworteten Fragen unseres Fahrers. Aber die Reise zerrte auch an den Kräften jedes einzelnen. Übernachtet haben wir dann in einem kleinen Goldgräberdorf. Ja wirklich, dort wurde früher Gold geschürft und man sagte uns, daß man auch heute noch Gold finden könnte wenn man nur ausdauernd genug suchen würde. Wir fanden das alles ganz spannend und lauschten gern den Geschichten der Einheimischen. Das Dorf lag an einem kleinen See und einmal wieder kamen wir uns vor wie in einem kitschigen Film. Man gab uns zur Nacht ein eben fertig gebautes Haus in dem nur noch die Möbel fehlten! Wow, das hieß gute 100 Quadratmeter nur für uns. Wir fühlten uns dem Himmel so nah, hihihihi.

Ein rasantes Vorsprungspiel
Am nächsten Tag ging es dann nach Miass zum Vorsprungspiel. Wir kamen als erste an und freuten uns sehr als kurz nach uns die Mädels eintrafen. Die Wiedersehensfreude war enorm und unsere Schnäbel gingen vor lauter Schnattern kaum mehr zu. Das Spiel war etwas für uns alle: Uraltruck Rennen. Diesen Monstertruck zu fahren war ein Erlebnis und echt nicht einfach. Aber es war eine Mordsgaudi!!

Nervenberuhigung im Whirlpool
Beim Weitertrampen überraschte uns dann der Regen und wir standen einmal mehr im kompletten Regenguß. Und diesmal zerrte die Kälte, die Nässe, das Warten schon an unseren Nerven. Meine Nerven lagen schnell blank und Marc rettete die Situation und versuchte was zu essen zu kaufen. Im Laden dann fragte er nach einem Hotel, unser Plan war dort eine Übernachtung erbeten zu können. Die Ladenbesitzerin wusste keinen Rat aber der Kunde an der Kasse meinte wir sollen draußen warten er könnte uns sagen wo wir hinlaufen müssen. Es stellte sich heraus, daß der Mann André hieß und ein wenig Deutsch konnte. Das erleichterte vieles und wir zeigten ihm mutig unsere Sleppingcard (diese Karten hatten alle Teams am Anfang der Reise bekommen. Drauf stand in drei Sätzen auf russisch das wir ein Lager für die Nacht suchen.). André nickte und telefonierte dann mit seiner Frau. Anschließend meinte er wir sollten ihm folgen. Wir gingen um die Ecke rum in ein altes zerfallenes Neubauviertel. Jede Ecke die wir hier passierten wirkte unheimlicher, ich bekam es mit der Angst zu tun und klammerte mich an Marc’s Arm. Aber Marc wirkte zuversichtlich und meinte wir schauen uns das mal an und entscheiden dann was wir tun. Okay okay, das machen wir! Der Hauseingang dann war ein weiterer Schock, in dem Abgang zum Keller lag meterhoch der Müll, seit langer Zeit konnte sich kein Mensch den Weg dort runter gebahnt haben. Der Aufgang zu den Wohnungen war schwarz vor Schmutz, rostige Eisenstangen waren aus dem Mauerwerk hervorgetreten und überall lag Müll. Wir fühlten uns unwohl, aber André klopfte schon an der Tür. Die erste Tür ging auf und dann eine zweite und dann – wir fühlten uns wie Alice im Wunderland! Das hier gab es gar nicht wirklich, das war Show, oder?!!! Da hinter der Tür wartete die wahnsinnigste westlich zivilisierteste Wohnung auf uns die wir je zu Gesicht bekommen hatten. Diese Wohnung war um einiges moderner und besser eingerichtet als unsere eigene daheim in Deutschland! Oh mein Gott, wir kippten aus den Schuhen vor Dankbarkeit. Mein Gott, noch vor ein paar Minuten waren wir mit den Kräften am Ende und hatten mit Bangen an die nächsten Tage gedacht – aber das hier entschädigte für alles. Dem lieben Gott sei Dank! Auf solchen Reisen fängt man an noch mehr zu beten als man es bisher schon tat, denn wenn man hier nicht an Übermächte zu glauben anfing wann denn dann?!! Wir durften in den Whirlpool steigen, Marc bekam ein kühles Becks Bier (er konnte sein Glück kaum fassen – es rollte fast eine Träne der Verzückung….) und wir durften unsere Wäsche in einer echten Waschmaschine waschen (das war dann auch die letzte bevor wir wieder daheim waren). Glück das man schneiden konnte so sichtbar stand es vor uns. Wir bekamen leckeres italienisches Essen, sagen mit der Familie Lieder, André spielte auf der Balalaika und sie zeigten uns Urlaubsvideos und Hochzeitsfotos. Ein genialer Abend. Wir durften im Zimmer des Sohnes schlafen der für diese Nacht bei Freunden blieb.

Unsagbare Gastfreundschaft: André fährt uns nach Ekaterinburg!
Am nächsten Morgen erklärten uns unsere Gasteltern das sie sich für uns freigenommen haben und uns ans Ziel nach Ekaterinburg fahren möchten. Ist denn das zu fassen??? Solche Sachen passieren einem in Russland, nie vorher haben wir Menschen kennen gelernt die ein solch großes Herz haben. Zu lernen war hier für uns sehr viel – keine Frage. Wir bekamen für die Reise noch jeder ein Plüschtier geschenkt das wir auch für den Rest der Reise jeder an seinem Rucksack hatten und versprachen alles dafür zu tun, um durchzuhalten.
Die Reise mit den zweien war mehr als nur lustig, sie glich einem Familienausflug. Wir fuhren waghalsige Abkürzungen, trafen auf alte Frauen die wie früher noch einen Knüppel über die Schultern trugen und einen Wassereimer rechts und links drangehangen hatten. Wir baten Hunde ihrem Astralkörper aus dem Weg zu räumen damit wir weiterfahren konnten, wir endeten in Sackgassen in deren Ende winzige Trafohäuschen standen in denen wirklich auch Leute arbeiteten, wir standen richtig lange an Bahnschranken und fielen über jeden Kiosk her den wir sahen weil wir schon so ausgehungert waren. Unterwegs trafen wir andere Teams und das Rennfieber wurde nach all den lustigen Ausflugsstunden geweckt. Letzten Endes waren wir Dritter – hatten viele Fotos und Erinnerungen in der Tasche und Freunde gefunden die wir ganz sicher noch einmal wieder sehen werden …