1. Etappe von Moskau nach Kazan

 

Nun sollte es also losgehen – eine Reise ins Ungewisse. Trampen von Moskau nach Peking. Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt das wir entweder kaum oder noch gar keine Tramperfahrung hatten. Es war eben der Reiz des Unbekannten. Zudem hatte ich, Anja, zwar in der Schule russisch gelernt (bin in der DDR aufgewachsen) aber ich hatte nie die Möglichkeit, es auch mal „vor Ort“ üben zu dürfen. Früher hatte ich schon mal oft daran gedacht wie toll es wäre einmal Russland zu sehen – das wir es nun unter diesen Umständen sehen würden war einfach toll. Und es sollten uns auf dieser Reise viele „erste Male“ erwarten, mehr als wir zu hoffen gewagt hatten…..

Das Abenteuer beginnt
Der Gang über den roten Platz, zum ersten Mal den Kreml sehen, russische Luft schnuppern und den Menschen ins Gesicht sehen deren Lebensgewohnheiten man doch so gern richtig nah miterleben wollen würde. Und dann ging es los – die Etappenkarten waren ausgegeben und der Startschuss gefallen. Ich war komplett von der Rolle vor Aufregung, Marc nahm es zum Glück relativ gelassen. In der U-Bahn fanden wir uns schnell zurecht. Farben weisen in der Moskauer U-Bahn den Weg, man kann sich relativ fix orientieren und die Menschen haben auch gern weitergeholfen. Die erste Fahrt auf russischen Strassen, in dem bereitstehenden Taxi, diente eher der Nervenberuhigung als dem Fahrgefühl. Wir waren zum ersten Mal unterwegs und hatten doch tatsächlich dieses Abenteuer gewagt und waren nun mittendrin. Himmel es war echt aufregend!

Unsere ersten Mitfahrgelegenheiten – Unterschiede wie sie größer nicht sein können
Den Rest des Tages verbrachten wir viel im Regen, es goss aus Kannen tat aber unserer guten Laune keinen Abbruch. Marc ist eh nicht zimperlich und ich mag Regen sowieso. Unsere nächsten drei Trampgelegenheiten waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Erst eine ganz süsse junge Frau die am Ende unseres gemeinsamen Weges sogar für uns weitertrampte, das heisst sie hat für uns ein Auto angehalten und die darin sitzenden Jungs davon überzeugt uns des Weges weiter mitzunehmen. Nach der aufregenden Fahrt mit den zwei jungen Burschen, die riskante Überholmanöver als ihren normalen Fahrstil ansahen und lustigerweise daneben am Steuer auch noch Hasch rauchten und sich deftige Pornoheftchen einverleibten, fanden wir bei einem älteren Ehepaar Platz im Auto. Dort hielt man uns einen 5-Liter Kanister Wodka unter die Nase und bat uns zu trinken. Wow, ich riss die Augen ordentlich auf und Marc nahm mal eine Nase voll um erstaunt festzustellen das es wirklich Wodka war was man uns da im Plastikkanister hinhielt. Klar haben wir probiert, war uns schon klar das diese Gesten hier in Russland einfach dazugehören, da darf man wohl denn auch nich kneifen. Und so ein Schlückchen in Ehren rettete auch die noch immer knatternden Nerven.

Das erste Mal an einer fremden Tür um ein Nachtlager bitten
Am Abend trafen wir dann zufällig mit Norbert und Klaus zusammen die in genau demselben Dorf wie wir gelandet waren. Es schüttete immer noch aus Kübeln und wir waren komplett klitschnass und durchgefroren. Unsere erste Tat nach dem Tramp-Schluß war dann auch das Einkaufen im Dorfladen. Dort bekamen wir mit, das man für 1 Euro pro Person pro Tag zwar keinen Prosecco würde schlürfen können, aber satt würden wir immer werden. Die Lebensmittellädchen in Russland sind wirklich winzig und erinnern sehr an ostdeutsche Läden zur DDR Zeit. Es gibt nur ein kleines Angebot an Waren, man kann nicht aus 20 verschiedenen Sorten Käse aussuchen – es gibt drei Sorten und zwei Sorten Brot und das ist es dann. Dasselbe mit Wurst und all den anderen lebenswichtigen Dingen. Aber für uns war es das Paradies auf Erden.
Lustig mampfend mit einem Stück trockenem Weißbrot zwischen den Zähnen machten wir uns auf die erste Schlafplatzsuche. Die Jungs schickten das Mädel vor und ich bekam wirklich kalte Füsse. Aber dann lächelten uns die Eigentümer des kleinen Dorfhotels so aufmunternd zu das ich Mut fasste und mein Verslein aufsagte das ich schon in Deutschland geübt hatte. Und es wirkte! Juhu juhu juhu! Man nahm uns auf und wir bekamen sogar noch etwas zu essen.

Unser erstes Amulettspiel
Am nächsten Tag ging es nach Kostroma zum Kloster. Dort fand das Karpfen-Fang-Spiel statt. Nicht unbedingt unser Lieblingsspiel, ich hatte die ganze Zeit Angst um die Tiere, das man sie zerdrücken würden oder sie verletzt, und Marc fand das Fangen der Fische sehr anstrengend. Aber er war super und wir haben dann ja auch drei Fische zusammenbekommen – wenn auch ein paar Sekunden später als Harald und Eva. Aber es war schön alle Teams wieder zusammen zu treffen, Erfahrungen zu berichten und zu merken, das alle mit ihren Ängsten zu kämpfen haben. Schliesslich hatten wir uns alle auf unbekanntes Eis begeben, mit dem Land, der Art zu reisen, den Übernachtungen, der Sprache, dem Essen und dem Rennen an sich. Aber alle hatten eine Menge Spass und sahen den kommenden Tagen mit viel Elan entgegen.
Freundschaften die nicht nur die Reise leichter machten ….
Wir hatten uns derweil sehr mit den Mädchen Pia und Janine angefreundet, einerseits weil die zwei in meinem Alter waren und wir einfach einen guten Draht von Anfang an zueinander gefunden hatten. Wir verstanden uns noch sehr gut mit den Jungs Stefan und Steffen die vor allem auch auf Marc’s Ebene lagen. Wir bildeten demnach eine lustige Jungs- und eine lustige Mädchentruppe. Diese Freundschaften waren ein Glück für uns alle, man konnte sich außer mit dem eigenen Reisepartner auch mal mit einem anderen nahe stehenden Menschen austauschen und auch über andere Sachen als nur die Reise oder das Rennen reden. Und es sollten Freundschaften werden die bis heute halten und ihre Beständigkeit auch in der deutschen Realität beweisen….

Die erste Nacht in einer russischen Stadt und Barbecue und Tanz dazu
Wir trampten am Abend nach dem Spiel weiter und Marc und ich übernachteten in Iwanowo. Dort, inmitten der Stadt, überkam uns schon die Angst vor dem Unbekannten. An fremden Türen zu klopfen, in einer Stadt die so anders aussah als alles was wir beide bisher auf unseren Reisen gesehen hatten. Ich hatte einen Kloß im Hals und Marc nahm mich fest in den Arm und ich spürte auch sein Unbehagen. Aber wir rissen uns zusammen und machten uns auf die Füsse. An den ersten Häusern gingen wir vorbei, auch an den nächsten, und den nächsten …. wir sammelten Mut, keine Frage. Aber schon an der zweiten Haustür wurden wir empfangen wie die verlorenen Kinder. Eine russische Großfamilie lud uns ein in ihr Häuschen, das nicht mehr als ein hölzerner Pavillon war. Sie grillten mit uns, sangen für uns, schunkelten mit uns zu russischer Musik, tanzten mit uns durch den Garten – kurzum hatten wir jede Menge Spass, lachten irre viel, waren ganz gelöst und überrascht von der großen Gastfreundschaft der Russen. Die Liebe die man uns hier entgegenbrachte machte uns sprachlos. Klar tranken wir auch Wodka, das gehört nun mal dazu, wie in Frankreich der Wein eben in Russland der Wodka. Aber das geht total in Ordnung, die Russen geben einem dazu IMMER was zu essen, dann geht es auch nicht so in den Kopf. Wir feierten bis drei Uhr morgens mit der Familie, legten uns dann schlafen und mussten um 5 Uhr morgens wieder weitertrampen.

Im Sonnenaufgang dem ersten Ziel entgegen
Der Schlaf saß uns fest in den Augen, aber im Licht der aufgehenden Sonne freuten wir uns sehr auf den kommenden Tag und die Begegnungen mit den Menschen dieses Landes. Wir fühlten uns sehr sehr wohl und hockten bei Sonnenaufgang in der Wiese zum Zähneputzen. Dann kamen wir mit einen Bus weiter der so langsam fuhr, dass Marc ihn den „Blumen-Pflücker-Bus“ taufte. Aber was sollte es, wir kamen vorwärts und hatten einen tollen Gastabend hinter uns. Wir waren selig mit uns selbst und waren total relaxt und fühlten uns echt mal wie im Urlaub. Zwei Autos später saßen wir in einem Wagen der uns bis kurz vor Kasan bringen sollte. Was ein unwahrscheinliches Glück!!!! Die Fahrt dauerte fast sieben Stunden, wir versuchten mit vereinten Kräften den Fahrer zu unterhalten und ihm von uns und der Reise zu erzählen, als Dank für seine Freundlichkeit uns mitzunehmen. Es klappte auch ganz gut, der Fahrer mochte die Reise mit uns, wir hatten Spass – keine Frage.

Das Ziel ist erreicht!!!
Kurz vor Kasan dann noch ein Umstieg und wir standen vor dem alten Bahnhof in Kasan. Nun mussten wir nur noch den „Peking-Express-Teppich“ finden. Marc war schneller und entdeckte das Kamerateam. Wir flitzten über die Wiese, sprangen über kleine Zäunchen (bei dem Marschgepäck auf dem Rücken kein so leichtes Unternehmen) und waren tatsächlich endlich da – nach schier unendlichen Kilometern, tollem Sonnenwetter, schönen Seenlandschaften, der Begegnung mit russischen Autobahnen und so vielen tollen Fahrern die uns mitgenommen hatten. Und dann das Ergebnis: wir waren die Ersten! Was für eine Freude, wir konnten es kaum fassen und waren sehr sehr glücklich darüber. Leider konnten wir diesen Moment nicht mit unseren Lieben daheim teilen, aber in uns war das Gefühl das sagte: diese Reise wird zu etwas ganz Besonderem in eurem Leben werden…..